Benjamin Strasser sieht bei der Wirtschaft die größte Baustelle

Foto: James Zabel
Mit 38 Jahren ist Benjamin Strasser der jüngste Abgeordnete aus dem Wahlkreis Ravensburg. Der FDP-Politiker will wieder in den Bundestag, damit die Wirtschaft in Gang komme.
Wenn Benjamin Strasser leidenschaftlich ins Reden kommt, dann vor allem bei zwei Themen: seine Begeisterung für die israelische Kultur und das, was die FDP Wirtschaftswende nennt. Und genau dafür möchte er wieder in den Bundestag gewählt werden. Die Wirtschaft soll wieder wachsen. „Manche sagen, Wachstum sei was Schlechtes. Wenn es kein Wachstum gibt, kommt es zu Verteilungskämpfen. Deswegen müssen wir dafür sorgen, dass der Kuchen, den es zu verteilen gibt, größer wird. Denn Wachstum bedeutet Lebenschancen für die Menschen“, findet der katholische Unternehmersohn aus der Gemeinde Berg bei Ravensburg.
Drei Jahre lang war Strassers Partei mit der SPD und den Grünen Teil der Ampelkoalition, die im vergangenen Jahr auseinandergebrochen ist. Wie im November mit der D-Day-Affäre öffentlich wurde, hat die FDP den Bruch lange geplant. Strasser hält das Ende der Ampel für richtig. Das zentrale Thema, an dem es gescheitert sei, sei die Wirtschaftspolitik gewesen. „Ich habe Verständnis für Christian Lindner und Respekt vor seinen Nerven aus Stahl. Er war es, der ein Konzept für Wachstumsimpulse vorgelegt hat“, sagt er. Doch letztlich habe es mit dem Rest der Koalition nicht mehr funktioniert. Jetzt also sucht Strasser noch einmal den Weg in den Bundestag, in dem der Jurist seit 2017 sitzt.
Doch wie will die FDP die Wirtschaft wieder in Gang bringen? Strasser zählt auf: den Solidaritätsbeitrag komplett abschaffen, die Stromsteuer auf das EU-Mindestmaß heruntersetzen, den Netzausbau beschleunigen, indem man nicht nur auf Erd-, sondern auch auf Überlandleitungen setzt, Bürokratie abbauen, Unternehmenssteuern auf 25 Prozent senken, Überstunden von der Lohnsteuer befreien sowie Investitionen in Wasserstoff und Kernfusion. Die Politik müsse den richtigen Rahmen für die Wirtschaft schaffen, denn: „Die Unternehmen haben nicht zu wenig Geld für Investitionen, sie haben Unsicherheiten.“
Strassers Position in der Migrationsdebatte
Und auch beim Thema Migration sieht Strasser Handlungsbedarf. „Auch guter Wille muss Grenzen setzen“, steht auf seinen Wahlplakaten. Im Bundestag stimmte Strasser am 31. Januar wie die meisten FDP-Abgeordneten für das sogenannte Zustrombegrenzungsgesetz der Union, das in der Kritik steht, weil es auch von der AfD unterstützt wird. Es sei um eine einfache Sache gegangen: „Lehne ich etwas ab, was ich für richtig halte oder sende ich das Signal, dass die demokratische Mehrheit das Thema nicht nur erkennt, sondern auch handelt?“
Strasser findet es richtig, dass die Ampelkoalition mit dem Chancenaufenthaltsgesetz ein Gesetz verabschiedet hat, dass nicht deutsche sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer weiter in Deutschland bleiben dürfen. Damit habe man Stimmen aus der Wirtschaft erhört, die oft berichteten, dass die falschen und gut integrierten Arbeitnehmer abgeschoben werden. Letztlich gehe es um die vollziehbar ausreisepflichtigen Menschen.
Nach der Abstimmung im Bundestag habe ihm ein schwuler Mann eine Nachricht geschickt und sich bedankt. „Er sagte, er könne in jedem erzkonservativen Dorf in Bayern Händchen halten, aber nicht in einem migrantischen Viertel seiner Großstadt.“ Eine Einschränkung der persönlichen Freiheit.
Gegen die Chatkontrolle
Und ja, die Freiheit, die auch im Namen der FDP steckt, ist ein Herzensthema für den Politiker. Es dürfe nicht sein, dass die Menschen das Gefühl haben, dass der Staat in ihr Leben eingreift, dass der Staat alles reguliert und den Menschen keine Eigenverantwortung mehr zutraut. Es gehe ihm um die Verteidigung der bürgerlichen Freiheitsrechte. Er hebt hervor, dass es maßgeblich die FDP war, die vorangetrieben habe, dass die Coronabeschränkungen zurückgenommen wurden – zu einer Zeit, als dies in anderen Parteien umstritten war. So sei er beispielsweise gegen eine Chatkontrolle. „Niemand würde wollen, dass der Staat persönliche Briefe öffnet, aber genau das wollen CDU und SPD im übertragenen Sinn“, sagt Strasser.
Auch im Ukrainekrieg gehe es um die Freiheit, „und um die Sicherheit von Deutschland, weil wenn Putin Litauen angreift, haben wir den Bündnisfall der Nato, und Putin testet die Nato schon jetzt“, sagt Strasser. Deswegen befürwortet der 38-Jährige die Unterstützung der Ukraine. „Hätte man der Ukraine schon früher Panzer geliefert, dann hätte sich Russland nie so sehr in der Ostukraine festsetzen können.“ Man müsse den russischen Präsidenten in eine Lage versetzen, dass er ein Interesse an Friedensverhandlungen hat.
Schafft es die FDP oder nicht?
Strasser hat in Berlin schnell politische Karriere gemacht. Zuletzt war er parlamentarischer Staatssekretär bei Justizminister Marco Buschmann. Auf der baden-württembergischen Landesliste ist er auf Platz fünf gewählt worden. Das heißt: Sollte es die FDP über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, hätte Strasser ziemlich sicher wieder einen Sitz in Berlin. Strasser glaubt: „Der Wahlkampf wird in den letzten Wochen entschieden, weil so viele noch unsicher sind.“ Und dann gibt er sich überzeugt: „Ob die CDU 31 oder 32 Prozent bekommt, ändert nicht viel. Doch ob die FDP vier oder sechs Prozent bekommt, macht einen großen Unterschied, weil dann Schwarz-Grün unwahrscheinlicher wird.“ Am liebsten wäre ihm Schwarz-Gelb.
Und was macht der 38-Jährige, wenn er sich nicht gerade mit Politik beschäftigt? Israelische Serien schauen, sich kochend bei israelischer Popmusik durch die israelische Küche testen. Sein neuestes Projekt: Hebräisch lernen. Und wenn es dieses Jahr die Zeit zulässt, will er sich wieder einen Urlaub in Israel gönnen. Doch auch da holt ihn derzeit die Politik wieder ein.
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